Der Druck des positiven Denkens

Wir streben doch alle nach dem gleichen: Glücklichsein! Aber eine positive Lebenseinstellung um jeden Preis ist oft nicht nur wenig hilfreich, sondern sogar schädlich. Denn: Positives Denken kann wahnsinnig viel Druck in uns erzeugen. Das sagt zumindest die Journalistin Anna Maas aus Hamburg.

„Die Happiness-Lüge: Wenn positives Denken toxisch wird“

Sie hat sich genau mit diesem Thema beschäftigt und bringt am 07. Mai ihr erstes Buch mit dem Titel “Die Happiness-Lüge: Wenn positives Denken toxisch wird” raus. Die Idee für ihr Buch ist während des Lockdowns entstanden, als sie diverse Nachrichten bekam, wie: “Mach da das Beste daraus, das ist doch eine super Chance, um den Keller auszumisten oder ein Bananenbrot zu backen”.

Aber als Freiberuflerin ging es ihr nicht gut. Aufträge wurden abgesagt, die Kita fiel aus, sie und ihr Mann wussten einfach nicht, wie es weitergeht und haben sich große Gedanken um ihre Zukunft gemacht. Und ab diesem Zeitpunkt beschäftigte sich die zweifache Mutter mit der allgegenwärtige Glückssuche und dem Phänomen “Toxic Positivity”.

Der Zwang zum Glücklichsein

In ihrem Buch untersucht die Journalistin, was wirklich dran ist an dem Zwang zum Glücklichsein. “Es geht ja darum, dass positives Denken sozusagen die einzig wahre Lebenseinstellung ist – also der Weg zum Glück und der einzig richtige Weg zu leben und das kann wahnsinnig viel Druck aufbauen, weil jedem vermittelt wird: Du bist deines Glückes Schmied, du musst schauen, dass du glücklich bist, du musst positiv denken, du musst ein Dankbarkeitstagebuch führen, du musst an deinem Mindset arbeiten und im Umkehrschluss bedeutet das eben auch: Du bist Schuld, wenn du irgendwie schlecht drauf bist, du bist Schuld, wenn es dir gerade nicht gut geht. Und du bist dafür allein verantwortlich und das finde ich ganz schön toxisch eben.”

Toxic Positivity: Was bedeutet das?

Wortwörtlich übersetzt bedeutet “Toxic Positivity”: Toxische Positivität, also eine giftige beziehungsweise ungesunde positive Einstellung. Die Buchautorin definiert es so: “Das Konzept, das eine positive Lebenseinstellung der einzige richtige Weg ist sein Leben zu leben und negative Emotionen komplett zu verdrängen und alles was negative Emotionen triggern könnte auch aus dem Leben zu streichen. Also da einfach sich so extrem drauf zu fokussieren, das man glaubt das positives Denken alleine der einzig beste Weg ist.”

"Toxisch positive Dinge sind nie böse gemeint"

Auch die Autorin Anna Maas hat solche “toxischen” Erfahrungen während der Pandemie in ihrem Freundeskreis erlebt: “Eine Freundin hat die Aktion bei mir gestartet, dass man jeden Tag in eine Whatsapp-Gruppe so eine Art Dankbarkeitstagebuch schickt, also die drei schönsten Dinge des Tages und das war auch wirklich so eine Phase, wo es mir richtig mies ging, wo irgendwie alle Aufträge abgesagt wurden und ich wirklich existenzielle Sorgen hatte und ich mir dann dachte: ‘Nee, also ich kann jetzt heute nicht erzählen, dass mein Stück Kuchen gut geschmeckt hat, das kommt mir so banal vor.’ Ich weiß, dass sie das überhaupt nicht böse gemeint hat und das ist glaub ich dann auch das schwierige daran: Also toxisch positive Dinge sind nie böse gemeint, die meinen es ja auch alle gut und das war eine Idee von ihr, dass es einem einfach mal ein Stückchen besser geht in einer blöden Phase aber in dem Moment dachte ich: Nee, also so kann es nicht weitergehen – ich kann da jetzt auch nicht mitmachen gerade, weil ich jetzt gerade irgendwie meine doofe Woche habe und mir nichts aus den Fingern saugen kann.”

"Toxic Positivity" fließt in alle Lebensbereiche ein

Auch wenn man größer denkt, abseits von den persönlichen Umständen begegnet einem das Thema “Toxic Positivity” immer wieder. Besonders bei gesellschaftlichen und strukturellen Problemen wie Rassismus. “Immer wieder hören Betroffene, die Sätze: Mach dich doch locker, beschäftige dich halt nicht so viel damit, stehe da drüber, die wissen es halt nicht besser – aber würden alle so handeln, dann würde sich nichts ändern, dann würden diese strukturellen Probleme immer weitergeführt werden und das wäre nicht gut”, erklärt die Autorin Anna Maas.

Der Schlüssel: Emotionale Akzeptanz

Eigentlich wollen wir doch der anderen Person ein gutes Gefühl vermitteln und dafür sorgen, dass es demjenigen oder derjenigen wieder besser geht. Die Autorin rät dazu, die eigenen Emotionen und die Emotionen anderer ernst zu nehmen und nicht klein zu reden, denn es muss vom Denken, dass jeder ständig glücklich sein muss und immer am positiven Mindset arbeiten muss, weg kommen: “Wenn jemand jetzt gerade klagt, nicht direkt sagen: ‘Ach komm, das und das ist doch alles toll in deinem Leben oder mach dich einfach locker und steh doch darüber’, sondern einfach zuzuhören.”

Mitgefühl zeigen

Zuhören, Mitgefühl zeigen für sich selbst und auch für andere Personen und zu seinen Gefühlen stehen, das ist laut der 33-jährigen Journalistin ein ganz wichtiges Element. “Mir darf es auch mal schlecht gehen – das gehört zum Leben total dazu und gerade, wenn man irgendwie traurig ist oder wütend ist oder man mal negativ Gefühle hat, dann ist es ja immer ein Warnhinweis vom Körper, um auf irgendwas hinzuweisen. Wenn ich ständig ausraste wegen Kleinigkeiten, dann stimmt etwas nicht und wenn ich das ernst nehme und nicht immer verdränge, dann kann ich mich damit auseinandersetzen, warum bin ich jetzt eigentlich ständig so wütend? Es ist doch jetzt nicht, weil mir ein Teller kaputt gegangen ist, sondern irgendein Bedürfnis in mir drinnen ist gerade überhaupt nicht befriedigt und wenn ich das immer verdränge, wird es immer nur noch schlimmer und wird sich auch immer weiter aufbauen und deshalb: Emotionale Akzeptanz ist glaube ich der Schlüssel – und das eben bei sich selbst und bei anderen.”

„Good Vibes Only“ vs. „All Vibes Welcome“

Hier eine Gegenüberstellung mit Vergleichen von “Toxic Positivity” versus Empathie aus dem Buch von Anna Maas –ganz nach dem Motto anstatt “Good Vibes Only” lieber “All Vibes Welcome”:

Toxic Positivity:
Du musst positiv bleiben!
vs.
Empathie:
Ich verstehe, dass das gerade hart ist.

Toxic Positivity:
Alles passiert aus einem bestimmten Grund.
vs.
Empathie:
Das ist wirklich unfair! Was passiert ist, ist richtig scheiße, und es ist okay, dass du dich gerade mies fühlst.

Toxic Positivity:
Schau nach vorn und mach weiter, das wird schon wieder!
vs.
Empathie:
Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst. Ich bin für dich da!

Toxic Positivity:
Das haben schon viele andere geschafft, das schaffst du auch. Locker!
vs.
Empathie:
Jeder hat andere Voraussetzungen, Grenzen und Fähigkeiten. Und das ist okay.

Toxic Positivity:

Jetzt zieh durch, egal, wie scheiße es dir dabei geht! Am Ende wirst du stolz sein, dass du durchgehalten hast!

vs.

Empathie:

Bertolt Brecht hat mal gesagt: “Wer A sagt, der muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.”





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