München – Ein Dienstagvormittag Anfang Mai im großen Ballettsaal des Nationaltheaters. Eine Gruppe von Solisten beim täglichen Training. Mittendrin: Osiel Gouneo, einer der größten Stars des internationalen Balletts. Wenn er tanzt und springt, wirkt alles federleicht, wo andere sich mühen. Doch der Afrokubaner erlebt in der Tutu-weißen Ballettwelt seit Jahren Rassismus.

AZ: Señor Gouneo, in den großen Compagnien sind schwarze Principal Dancer die absolute Ausnahme. Was sagt Ihnen das?
Osiel Gouneo: Dass die Ballettwelt leider immer noch nicht in der Lage ist, People of Colour ausreichend Möglichkeiten zu verschaffen. Diversity ist gerade das große Thema, da muss ich mich schon sehr wundern. Warum jetzt? Ich führe diesen Kampf mein ganzes Leben lang. Eine Gleichbehandlung unter den Rassen und Geschlechtern sollte normal sein wie das Ein- und Ausatmen. Im Ballett ist es das leider nicht. Wenn wir über “Schwanensee” reden, denken alle an einen großen, blonden, blauäugigen, weißen Prinzen Siegfried? Dabei gibt es wohl nirgendwo so viele Prinzen wie in Afrika.

“In Teilen der Ballettwelt wird noch sehr stark in alten Schubladen gedacht”

Warum tut sich die Ballettszene so schwer damit?
In Teilen der Ballettwelt wird noch sehr stark in alten Schubladen gedacht. Siegfried ist blond und Spartacus ist schwarz. Bei ihm denkt man dann an mich: Er kann springen, er hat Muskeln, er hat das “südliche Flair”. Es geht aber nicht darum, einen Tänzer auszusuchen, der aussieht wie ein Sklave, sondern der den jeweiligen Charakter der Rolle porträtieren und verkörpern kann. Als ich das erste Mal Rudolf Nurejew in “Schwanensee” sah, da spielte er nicht Siegfried, er war Siegfried.

Ihr größter Erfolg in München war jene Titelrolle des Sklavenführers Spartacus.
Das ist lächerlich. Die Menschen sehen in mir einen perfekten Spartacus, aber keinen Romeo. Das ist kulturell konnotiert. Tatsächlich ist nicht Spartacus meine Lieblingspartie, sondern Romeo. Jeder Mensch hat eine Vorstellung von Liebe, aber wer hat schon eine von der Sklaverei? Ich verrate Ihnen was.

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Gerne.
Ich bin in Matanzas geboren und aufgewachsen, eine Stunde östlich von Havanna. Im 19. Jahrhundert war Matanzas eine Sklavenhochburg. Die Familie meines Vaters wurde über Generationen versklavt. Mein Nachname Gouneo ist mein Sklavenname, der uns von einem Sklavenhalter gegeben wurde. Ja, Spartacus ist mein Markenzeichen. Ein halbnackter, muskelbepackter, schwarzer Mann, in der Rolle des unterdrückten Aufrührers. Das sind die üblichen Stereotypen. Tatsächlich verkörpere ich einen Griechen, der sein Volk in die Freiheit führt, das Publikum aber will es gar nicht so genau wissen. Anders als bei Spartacus gibt es über meinen “Schwanensee”-Prinzen, über meinen Romeo und meine Auftritte in “Giselle” und “Manon” nur wenige Kritiken.

Die Welt des Balletts – Direktoren, Choreographen, Ballettmeister – eine hermetisch weiße Welt?
Ja. Die Kunstform Ballett könnte sterben, wenn sich das nicht ändert. Im Ballett tanzen wir seit 30 Jahren die gleichen Stoffe in der gleichen Art und Weise. Dieses mit Händen und Füßen unnatürliche Spielen, das einem keiner mehr abnimmt. Erinnern Sie sich an Marlon Brando? Brando hat genuschelt, der hat im Film gesprochen, wie er im Leben gesprochen hat, und die Leute waren fasziniert. Das war glaubhafter, menschlicher. Das Ballett erlaubt sich diesen nächsten Step noch nicht. Warum nicht?

“In meiner Ballettklasse gab es genau zwei schwarze Kids”

Wie sind Sie als unterprivilegiertes, schwarzes Kind vom Land zum Tanz gekommen?
Mit acht, neun Jahren habe ich Videokassetten der kubanischen TV-Show “Danza Eterna” gesammelt. Der erste schwarze Tänzer, den ich in meinem Leben gesehen habe, war Carlos Acosta. In meiner Ballettklasse gab es genau zwei schwarze Kids, ich fühlte mich anfangs völlig fehl am Platz. Dann sah ich Carlos – und es machte für mich auf einmal Sinn. Carlos fütterte meinen Hunger, ich wusste, das will ich auch. Deshalb habe ich gar keine Lust, über Dinge zu sprechen, die ich aufgrund meiner Hautfarbe oder Herkunft angeblich nicht erreichen kann. Harte Arbeit zahlt sich am Ende aus.

Sie tanzen seit acht Jahren in Europa, erst beim Norwegischen Staatsballett, jetzt in München, immer wieder als Gast in London, Moskau oder New York. Haben Sie in der Zeit rassistische Erfahrungen machen müssen, die Sie daran zweifeln ließen?
2015 lud mich das Norwegische Staatsballett ein, in ihrer allerersten “Manon”-Inszenierung zu tanzen. Die Verantwortlichen des Kenneth- MacMillan-Trusts, die die Einstudierung übernahmen, wollten mit mir arbeiten. Die Proben begannen Mitte August, die Premiere sollte im Oktober sein. Ich hatte zwei Rollen: Lescaut, Manons Bruder, und Des Grieux, Manons Liebhaber. Vormittags probten wir das ganze Stück mit mir als Lescaut, nachmittags mit mir als Des Grieux. So ging das zwei Monate lang. Ich habe nie wieder so hart gearbeitet. Am Tag vor der Premiere wurde ich überraschend ins Büro des Direktors gerufen. Er druckste herum, murmelte was von “Hoffentlich werden Sie das gut aufnehmen”. Ich dachte, meiner Mutter sei was passiert. Dann erklärte mir der Ballettmeister: “Osiel, für die Premiere morgen werden wir dich ersetzen!” Ich war konsterniert.

Warum?
Eine direkte Erklärung habe ich nie bekommen. Später kam der Ballettmeister der Compagnie in die Umkleide, entschuldigte sich und sagte mir, du weißt warum? Drei Tage vor der Premiere war Lady MacMillan, die Frau des verstorbenen Choreographen, nach Oslo gekommen und wollte sehen, was wir erprobt hatten. Es war ihre Entscheidung. Hätte die Compagnie dies nicht mitgetragen, hätte sie das Stück vom Spielplan nehmen können. Am nächsten Tag habe ich den Münchner Ballettchef Igor Zelensky angerufen und ihn gebeten, mir den Vertrag zuzuschicken. Es gab für mich keinen Grund, länger zu bleiben.

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Für Sie Rassismus?
Das ist zu 125 Prozent Rassismus. Ich sage nicht, diese Leute sind Rassisten, aber das System hat sie erzogen, so zu handeln. Ich habe Respekt vor dem Handwerkszeug dieser Leute. Aber gegenüber einem Tänzer wie mir, der nicht in seiner Kunst die Erwartungen nicht erfüllt, sondern hinsichtlich seines Aussehens, ist das total respektlos. Rassismus eben. Ein Jahr zuvor war mir, auch in Oslo, bei den Proben für “Onegin” etwas ganz Ähnliches passiert.

Erzählen Sie!
Diesmal ging es um eine Choreografie von John Cranko. Es gab vier Besetzungen, ich war der einzige Principal Dancer für den Lenski. Erst durfte das erste Paar vortanzen, dann das zweite Paar, das dritte Paar, immer wieder Korrekturen. Dann ging es wieder mit dem ersten Paar los. Insgesamt zwei Wochen ging das so. Meine Partnerin, eine wunderbare Ballerina, war mit den Nerven am Ende. Als uns der verantwortliche Choreograf wieder übergehen wollte, platzte mir der Kragen, und ich schrie ihn an: “Stopp! Ich bin der einzige schwarze Punkt in diesem weißen Raum. Wie ist es möglich, dass Sie mich die ganze Zeit übersehen?”

“Ich säße nicht hier, wenn sich gar nichts ändern ließe”

Wie reagierte er?
Der Probenleiter der Cranko-Stiftung meinte, wir sollten das nicht persönlich nehmen. Es sei wichtig, dass wir die Korrekturen lernen. Das war natürlich Bullshit! Ich muss keine Korrekturen lernen, die nicht die meinen sind. Für wen, meine Kinder? Jahre später habe ich in München Cranko-Ballette tanzen können. Aber wenn heute jemand von außerhalb kommt, um eine Inszenierung einzustudieren, werde ich hellhörig. Solange er mir nicht genau erklären kann, was er konkret von mir erwartet, wird er von mir nichts bekommen.

John Cranko, Kenneth MacMillan, wir sprechen hier von den größten Namen im Ballett. Wo bleibt der allgemeine Aufschrei?
Dafür sind wir eine viel zu kleine Welt. Ich säße nicht hier, wenn sich gar nichts ändern ließe, aber es geht immer noch sehr langsam. Und sehr oft ist das System noch genauso, wie es immer war: Ein bisschen faul, nicht bewusst, nicht achtsam genug, nicht offen genug für Neues.

Stattdessen wird darüber diskutiert, bestimmte Stücke gar nicht mehr aufzuführen.
Wir Tänzer reden momentan sehr viel über diese Themen von Cancel Culture. In Amerika gibt es die Diskussion, das “Le Corsaire” vom Spielplan zu nehmen. Da wird eine Liebesgeschichte dämonisiert, weil der Pirat sich in eine Sklavin verliebt. “Dornröschen” soll verbannt werden, weil der Prinz sie ohne Erlaubnis küsst. Klar, sie schläft, das geht natürlich nicht! Wir können auch den Froschkönig verbannen, denn der Frosch zwingt die Prinzessin zum Kuss. Alles hat nach außen hin plötzlich so korrekt und klinisch zu sein. Aber wie soll Kunst sich da entfalten? Kunst sollte Gesellschaft pushen, nicht in einen Dämmerschlaf versetzen.

 “Von Paris träumt man, mehr geht nicht”

Es gibt Hoffnung. Die Pariser Oper hat Sie eingeladen, in “Romeo und Julia” zu tanzen. Premiere ist am 21. Juni.
Der vielleicht wichtigste Schritt in meiner Karriere. Für mich als Balletttänzer ist Paris das Mekka. Davon träumt man, mehr geht nicht. Ich habe mich lange mit dem Direktor der Pariser Oper unterhalten, ein progressives Theater mit einem progressiven Programm. Paris zeigt mir eine Entwicklung, da bricht was auf. Bei den meisten Compagnien, die das von sich behaupten, stimmt es nicht.

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Woran machen Sie das fest?
Die haben ein paar schwarze Tänzerinnen und Tänzer, aber viele kommen über das Corps de Ballet nicht hinaus. Bei meinem Onegin-Debüt vor zwei Jahren in München war ich angeblich erst der dritte schwarze Onegin in der Geschichte des Balletts. Wenn das stimmt: Es gibt so viele hochtalentierte schwarze Tänzer in der Welt, aber es sollen nur drei in der Lage gewesen sein, den Onegin zu tanzen? Bullshit!

Ballett ist Spitzensport und Kunsthandwerk in einem. Die ultimative Kunstform?
Ballett ist viel mehr als Bewegung, Schritte, Technik, es ist der Blick in die menschliche Seele. Ich schlüpfe den Menschen unter die Haut, versuche ihre Abgründe – Liebe, Hass, Eifersucht – zu manifestieren und lerne dabei mich selbst kennen. Ja, ultimativ.

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