München – Kurz vor den Schnitzler-Wochen in München: Das Volkstheater probiert “Der Reigen” und keiner weiß, ob die Produktion aufgeführt werden kann. Denn wir haben Corona. Das ist das Setting für eine ungewöhnliche Kooperation von Volkstheater und der Hochschule für Film und Fernsehen.

Vier Studierende der HFF kooperieren mit dem Volkstheater

Damit hat Christian Stückls Haus ein wenig seine Zurückhaltung im Internet aufgegeben, denn die Truppe von der Brienner Straße und vier Studierende der HFF (Fanny Rösch, Sebastian Husak, Leo van Kann, Alexander Löwen) werkelten gemeinsam an einer Webserie, die auf Videoportalen gesehen werden kann.

Das Prinzip des Schnitzlerschen “Reigens” ist auch die dramaturgische Basis von “Spielzeit”: Die Figuren werden in immer neuen Paarungen durch die Episoden gereicht. Natürlich sind wir nicht in Wien, sondern in und um das Münchner Volkstheater.

Ein Fan führt plötzlich Regie

Statt dem Soldaten, der Dirne, dem “süßen Mädel” oder lüsterne Aristokraten begegnen sich Schauspielerinnen und Schauspieler, Dramaturgen und Regieassistenten, eine Regisseurin, ein Intendant, eine intrigante Frau von der Security und ein weiblicher Fan, mit dem das Spiel beginnt. Die junge Frau will nur ein Autogramm, gerät in den Probenbeginn und wird für die Regisseurin gehalten, auf die man schon ungeduldig gewartet hat.

Zwar sind es acht Folgen, doch für eine lange Seriennacht reicht das Material nicht. Die einzelnen Episoden sind knapp fünf bis etwas über zehn Minuten lang und lassen sich also in schlanken 80 Minuten wegkonsumieren. Die Bilder sind betont unspektakulär und mit einer in Bewegung bleibenden Handkamera aufgenommen, die den Darstellerinnen und Darstellern gerne nah kommt.

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Ein Stück als Therapie von Theaterleuten

“Spielzeit” ist eine Backstage-Comedy als Therapie von Theaterleuten gegen den Frust, den die Bühnenschließungen mit sich bringen. Dem darbenden Theaterfreund andererseits gewähren die knapp skizzierten Storys Einblick in einen heiligen Bezirk, den zu betreten ihm normalerweise nicht gestattet ist: der Probenprozess.

Und es gibt keine Zeit zum Jammern. Mit durchaus grimmiger Selbstironie betrachtet das darstellende Gewerbe sein Leben und Lieben. Aber anders als bei Arthur Schnitzlers Original scheitern intime Annäherungen. Sex im Requisitenlager geht auf eineinhalb Metern Abstand nicht, und nach dem Schnelltest mit dem langen Wattestäbchen ist die Libido wie weggepopelt.

Zartes homoerotisches und doch ergebnisloses Anbandeln passiert nach einer im Zorn abgebrochenen Probe, als der Techniker den von allen gedemütigten Assistenten beruhigen will. Er bringt dem Kollegen Tango bei, was in ebenso quietschgelben wie quietschenden Schutzanzügen zu den schrägsten Bildern der Serie führt.

Die Verwechslung wird noch in Folge 1 aufgeklärt

Noch am Ende von Folge 1 wird die Verwechslung aufgeklärt und die richtige Regisseurin erscheint. Die erweist sich als knochenharte Vertreterin der Postdramatik. Sie türmt so lange Metaebene auf Metaebene, ändert so lange die Texte und wechselt so oft das Konzept, bis es dem Ensemble zu viel wird: “Wir glauben”, protestiert eine der Schauspielerinnen, “es könnte sein, dass du nicht weißt, was du willst”. Große Krise.

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Christian Stückl droht, die Inszenierung selbst zu Ende zu bringen. An dieser Stelle des kurzweiligen Theatertheaters hat man die Rasselbande schon richtig lieb gewonnen und würde gerne wissen, ob die nicht zusammengekommenen Liebenden sich doch noch finden, ob die Regisseurin wirklich gefeuert wird und ob die Premiere, wenn sie denn stattfindet, floppt oder Erfolg hat?

Da ist Stoff für eine zweite Staffel.

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