Sommerurlaub fällt aus? Halb so schlimm. Der Macher von “Haus des Geldes” lädt nach Ibiza ein. Tanz, Erotik und Mafia-Gangster werden zu einem absurden Gute-Laune-Krimi vermischt.

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In der trockenen Wüste von Almería reckt sich eine tote Hand in den Himmel. So beginnt die Ibiza-Crime-Serie “White Lines” von Netflix. Die Mumie ist die Leiche von Axel Walker, einem angesagten DJ. Er verschwand vor 20 Jahren spurlos aus Ibiza, angeblich um Erleuchtung in Goa zu finden. Tatsächlich aber, um auf dem Festland verscharrt zu werden.

“White Lines” springt zwischen zwei Ebenen hin und her. Der großen Zeit von Axel auf Ibiza und der Jetztzeit, in der seine “little sis” Zoe es sich in den Kopf gesetzt hat, den Mord an ihrem Bruder aufzuklären. Damit ist die zehnteilige -Serie perfekt positioniert für die typischen Netflix-Gucker, die früher selbst Pillen auf Raves einwarfen und heute ein Gläschen Rotwein vor dem TV genießen.

Nicht so ernst gemeint

“White Lines” bietet ihnen geschmackvolles Pop-Crime mit mega-fetten Zutaten. Mit Retro-Raves, den heißesten Tänzern, den großzügigsten Palästen und den fiesesten Gangstern. Doch alles bleibt ein Riesenspaß – nichts wird wirklich ernst. Konkurrenten werde durchaus an einem Fischerhaken aufgehängt, aber ohne, dass es den Zuschauer allzu sehr graut. “White Liens” ist also kein Vergleich zu ebenfalls gestarteten Mafiaserie “ZeroZeroZero”, bei der die Brutalität selbst dem abgebrühten Krimifan zusetzt. Dafür sorgt bei “White Lines” die leichte Hand von Álex Pina, dem Mann hinter “Haus des Geldes”. Man darf jede Menge Verwechslungen und eine unglaubliche Dynamik erwarten – nur nicht allzu viel Logik im Handlungsstrang. Die Idee “Briten bekommen mächtig Schwierigkeiten im Ferienparadies” hatte übrigens schon Cris Cole in der BBC-Serie “Mad Dogs”. Ihr ähnelt “White Lines” durchaus, packt aber überall noch eine Schippe drauf – und setzt sich durch die DJ-Handlung auch optisch von der Mallorca-Serie ab.

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Detektivin mit leichten Neurosen

Dass auf Ibiza die Absurdität regiert, dafür sorgt die kleine Schwester Zoe, die psychisch leicht neben der Spur ist und ihre Erlebnisse per Webchat mit ihrer Psychologin in England aufarbeitet. Sie wirkt wie ein moderner Woody Allen aus seinen besten Tagen. Ihre Bemühungen, den Fall nach 20 Jahren aufzuklären, führen wie in einer klassischen Screwballkomödie zu immer schlimmeren Verwicklungen. Die süße Zoe hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Wegen ihr werden Beine gebrochen und Fischerhaken eingesetzt. Aber das macht nichts – sie und ihr verstorbenen Bruder Alex sind die Sympathieträger der Serie. Nebenbei folgt der Zuschauer dem Aufstieg Ibizas zur Partyhochburg. Die jungen und vitalen Helden von damals, sind inzwischen arriviert und nur noch Schatten ihrer eigenen Glanzzeit. Eine leichte Traurigkeit durchzieht die Serie. Denn wenn man mit 20 auf dem Gipfel der Welt stand, was soll danach noch kommen?

Die Traurigkeit dauert stets nur Sekunden, für Melancholie ist keine Zeit. Der alternde DJ, der eben noch der goldenen Jugend nachtrauerte, muss als Nächstes seinen Hund nach einer Kokain-Überdosis wiederbeleben. Zoe harpuniert einen Gangster und zwei Verbrecher spielen ein lustiges Bingo mit ihrem Opfer, bei dem es um die Frage geht, welchen Körperteil er wohl einbüßen wird. Die Matriarchin, der größte Mafiafamilie auf der Insel, hilft der Motivation ihres attraktiven Beichtvaters mit einem Handjob am offenen Fenster wieder auf die Sprünge.

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Volle Dosis Erotik

Der spanische Einfluss zeigt sich nicht zuletzt an der Menge an Nackt- und Sexszenen. Wie überhaupt das iberische Serienschaffen weitaus freizügiger ist als die Serien anderen Länder. Marta Milans spielt hier die ältere Version von Axels Freundin Kika Calafat. International wurde sie durch die freizügige Serie “The Pier – Die fremde Seite der Liebe” bekannt und auch in “White Lines” dauert es nicht lange, bis sie mit einer Tänzerin in den Kissen landet. Die schönen Darsteller gehen gern miteinander ins Bett. Unklar bleibt nur, mit wem auf der Insel der junge DJ Alex nicht intim war. Denn auch unverbindlicher Sex hat in Krimiserie meist Folgen.

Die heutige Zeit führt dazu, dass in Sachen erotisches Eye-Candy die Zuschauerinnen an erster Stelle stehen. Denn so nett und hübsch Zoe – gespielt von Laura Haddock – auch anzusehen ist, Tom Rhys Harries spielt den Axel mit der Vitalität und erotischen Ausstrahlung eines jungen Gottes. Nicht ganz unähnlich seiner Rolle in der Historien-Serie “Britannia” – dort soll er als verzauberter Jüngling das Mädchen Cait, die Retterin der Welt, von ihrem Pfad abbringen.

In den Zeiten der Quarantäne und des gestrichenen Sommerurlaubs bringt “White Lines” Ibiza-Feeling ins Wohnzimmer. Realismus darf man nicht erwarten, aber man hat hier das Glück, dass es Pina gelingt, eine Krimikomödie mit exzellentem Cast und sehr realistischen Sets zu verbinden. Es gibt also eine Prise hartes Mafiadrama mit ganz viel Tempo und Spaß am Spiel.

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