Slipknot reinigen gequälte Seelen durch Heavy Metal: In der Olympiahalle wirkt das noch immer authentisch, aber auch sehr routiniert

Als Vorbote des Infernos schickte Orkantief Sabine am Sonntagabend schon mal Slipknot, diese amerikanische Metal-Instituton mit Brachial-Charme, gen München, um die Ohren der Zuhörer in der ausverkauften Olympiahalle gehörig und nachhaltig durchzupusten.

Slipknot, die Henkerschlinge, das ist auch die persönliche Corey Horror Picture Show von Frontmann Corey Taylor, der den Exorzismus seiner ureigenen Dämonen durch Musik betreibt. Süchte aller Art, sexueller Missbrauch als Kind, Depressionen, Obdachlosigkeit, Suizidversuche. All das war Taylors Leben, bis er einen Weg fand, die Selbstzweifel, die Ängste, die Verzweiflung zu kanalisieren. Musik war sein Rettungsanker, sein Streichler der gepeinigten Seele.
Nein, streicheln kann man das nicht wirklich nennen, was Taylor und seine musizierenden Freunde aus Iowa da erschaffen haben. Es sind Hymnen für die Gefallenen, die sich aber ein ums andere Mal erheben und dem Schicksal dabei stets wutentbrannt den Mittelfinger entgegenstrecken, Stehaufmännchen der metallischen Art.

Selbstheilung in Dur und Moll

Los geht es als Intro mit dem AC/DC-Lied „For Those About To Rock, We Salute You“ , das in den Slipknot-Song „Unsainted“ übergeht. Laut, energetisch, rhythmus-getrieben von ihrem Schlagzeuger Jay Weinberg und den zwei Percussionisten Shawn Crahan und New Guy. Es ist aggressiv, subversiv im positiven Sinne. Die Band am stärksten, wenn sich die kompromisslose Härte und Geschwindigkeit mit dem Groove paart und dann als räudiger Bastard die Slipknot-Songs geboren werden. Lieder wie „Psychosocial“, „Nero Forte“, „Disasterpiece“, „Birth Of The Cruel“, „Duality“ basieren auf dem Rhythmus eines Galeerenschiffs, das auf dem Fluss Styx direkt in den Hades, die Unterwelt, einfährt.

Nur dem, der durch das Feuer gegangen ist, kann das Fegefeuer keine Angst mehr einjagen. Die Lieder sind musikalische Stimmungsaufheller, für all die, deren Seelen an einem sehr dunklen Ort gefangen waren, die aber – auch dank der Kraft der Musik – einen tiefen Sinn hinter den Abgründen des Seins entdecken. So klingt Selbstheilung in Dur und Moll.

Die Bühne ist im Industrial-Design gehalten, immer wieder gibt es kleine Feuerbälle, die den Berufspyromanen von Rammstein eher Tränen des Mitleids in die Augen treiben würden. Die Show ist bunt, sie ist anheizend, der Bürgerschreck-Faktor, den Slipknot zu Anfang ihrer Karriere vor über 20 Jahren (über)strapaziert haben, ist einer gepflegten, routinierten Unterhaltungsmaschinerie samt Kuschelkurs-Klischee-Ansagen gewichen.

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