Wieviel Pop steckt im Barock? Simone Kermes kombiniert auf ihrer CD "Inferno e Paradiso" Händel, Vivaldi, Sting, Led Zeppelin und andere. Das Thema: die Todsünden und ihr Gegenmodell

In der Mitte von "Mitte" wohnt Simone Kermes. An der Brunnen- Ecke Thorstraße in Berlin ist es eigentlich hässlich-urban, aber hinter dem Verkehrskreuzungs-Inferno tut sich – im modernen Hinterhaus – ein Paradies mit Gärten auf. Dass Berlin auch ein Millionendorf ist, merkt man dann beim Italiener am Eck, dessen Name gar nicht italienisch klingt: Muret la Barba. Hier jedenfalls kann man das Interview nicht besonders entspannt führen, weil lauter Leute vorbeikommen, die Simone Kermes grüßen. Provokationskünstler Jonathan Meese macht ein Selfie mit der Primadonna und die Direktorin der hippsten Galerie, König in Kreuzberg, taucht auch auf.

AZ: Frau Kermes, Ihre neue CD heißt "Inferno e Paradiso". Ist das Leben eines Klassikstars Himmel oder Hölle?
SIMONE KERMES: Die Hölle ist eigentlich nur, dass ich ohne Agentur und Agenten arbeite, weil die mich alle oft ausgenutzt haben. Also habe ich eine eigene Agentur gegründet, mein eigenes Orchester zusammengestellt. Das ist jetzt eben Himmel und Hölle, weil ich mich selbst um alles kümmere: bis hin zum Kontrabass, den man auf Tour jeweils vor Ort leihen muss, weil man mit so einem Mordsding nicht gut reisen kann.

Dann sind sie also auch die Mutter der Truppe?
Ja, und Mädchen für alles. Und wenn meine "Amici Veneziani" in Berlin sind und wir proben, koche ich auch für die.

Sie gelten auch als schwierig.
Nein, das bin ich ganz sicher nicht. Nur lasse ich mich nicht manipulieren. Bei der großen Aids-Gala in der Deutschen Oper zum Beispiel war Chopard ein Sponsor, und die Frauen mussten also deren Schmuck tragen. Aber warum soll ich das, wenn ich einen eigenen habe – aus Venedig –, der zu meinem Programm passt? Dann durfte ich absurderweise halt nicht aufs große Schlussfoto mit rauf.

Wie kamen Sie auf die Idee, die sieben Todsünden mit sieben Tugenden zu kontrastieren?
Aus dem Gefühl heraus, dass wir an einem Punkt sind, wo sich der Kampf zwischen Gut und Böse zugespitzt hat: Klimakatastrophe, Artensterben, Terroranschläge oder Kriegsrhetorik bis ins Weiße Haus hinein. Wir sind stärker gefordert, uns zu entscheiden: Im Angesicht von Größenwahn, Gier und Hochmut braucht es eben doch Demut und Mäßigung. Aber der Auslöser, "Inferno e Paradiso" zu machen, war Hieronymus Bosch.

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