Liebeserklärung von Tobias Elsaesser

Bruce Springsteen wird 70. Die passende Zeit seine Karriere Revue passieren zu lassen, sein Leben zu betrachten und so. Das kann aber warten. Und es sollen jene tun, die etwas mehr Distanz zum Boss wahren können. Denn – ich sage es ohne Umschweife – für mich ist es die Gelegenheit für eine persönliche Liebeserklärung an die Musik, die mein Leben begleitet und an vielen entscheidenden Punkten geprägt hat.

Auf der Suche nach einem Platz zwischen Schönlingen und Süßholzrasplern

In den 31 Jahren, die ich Springsteens Musik verfallen bin, haben sich viele Kreise geschlossen. Der erste, kurz nachdem ich Bruce Springsteen für mich entdeckt habe. Ich kannte “Born in the U.S.A.”, “I’m on fire”, “War” und einige andere Songs. Der Song aber, der mich berührte und vom Elvis-Presley-Fan zum Springsteen-Jünger konvertieren ließ, war kein Hit. Es war “Tougher than the rest”, die Single hielt sich ganze zwei Wochen in den deutschen Charts und schaffte es auf Platz 25. Es war das erste Mal, dass ich mir eine Single kaufen musste, weil kein DJ diesen Song im Radio spielen wollte. Auf der B-Seite war die Live-Version, und sie blies mich weg.

Ein Klassenkamerad gab mir den Text, den er aus der “Bravo” ausgeschnitten hatte. Und mir war klar: So wollte ich sein. Ich war wie der Typ im Song kein “gutaussehender Dan” und auch kein “süßholzraspelnder Romeo” (Bravo-Übersetzung) und erstmals in meinem Leben ernsthaft in ein Mädchen verliebt. Mir blieb keine andere Wahl, als “zäher, härter, rauer als der Rest zu sein”. Und egal ob gutaussehend, redebegabt oder tough: Will nicht jeder der eine sein, der den finalen Test besteht, bei dem alle anderen Mitbewerber scheitern?

Danke, Oma!

Da man in der Blütezeit der Pubertät über wesentlich mehr Pickel und Hormone als Lebenserfahrung verfügt, hat es eine Weile gedauert, bis das Mädchen meines Herzens diese Taktik durchschaut und mich erhört hatte. Und es hatte wohl nicht viel mit Bruce zu tun, aber er hat fast die ganze Zeit dazu gesungen.

Zu Weihnachten 1988 gab es dann von meiner Oma das legendäre Fünf-LP-Livealbum “Bruce Springsteen & The E-Street-Band Live 1975-85”. Drei Tage prägendes, ununterbrochenes Musik hören mit Papas altem Kopfhörer auf der Couch im Wohnzimmer im Schein des Weihnachtsbaumes. 40 Songs, es gab so viel zu entdecken. Und so viele andere Platten. Es hieß “sparen, sparen, sparen”, so diszipliniert wie seitdem nie wieder. Im April 1989 hatte ich sie alle.

In der Dunkelheit nicht ganz am Rande der Stadt

Nun war ich musikalisch gewappnet, aber mental wenig darauf vorbereitet, dass sich der nächste Kreis schloss. Und zwar ausgerechnet am Samstag, den 23. September 1989, vor genau 30 Jahren. Mein bester Freund Peter (ebenfalls durch das Live-Album zum Springsteen-Fan geworden) und ich wollten in der Jugenddisco unserer Tanzschule Springsteens 40. Geburtstag feiern. Der DJ kannte ihn nicht oder ignorierte ihn. Das war jedoch nicht das Schlimmste. Meine Freundin machte an jenem Abend mit mir Schluss. Und ich stand alleine vor der Tanzschule “Bodscheller” am Hildesheimer Hauptbahnhof im Schein einer Laterne, Blaue Jeans, weißes T-Shirt, Basecap in der Arschtasche – so wie der Boss auf dem Cover von Born in U.S.A – gar nicht so tough, dafür mit Tränen in den Augen, in der Dunkelheit nicht ganz am Rande der Stadt. Ich weiß nicht mehr, ob es regnete, aber wenn Herzen in der Dunkelheit brechen, zieht ganz gerne mal ein Sturm auf. Es passiert in Hemingway-Büchern, Hollywood-Filmen und in Springsteen-Songs, also bitte auch an leeren, dunklen Kleinstadtbahnhöfen.

Wenn die Liebe fort ist…

Trost fand ich (logisch) unter anderem bei dem was der Boss über zerbrochene Liebe und Einsamkeit zu sagen hatte. Auf “Tunnel of Love”, dem Album über das Scheitern seiner Ehe, und der düstersten – und meiner Meinung nach besten – Platte, “Darkness on the edge of Town”. Ich gefiel mir auf meiner Reise durch die “Badlands”, während ich “Something in the Night” nachjagte und in Ermangelung eines Führerscheins mit meinem Fahrrad durch die Straßen raste, am Rande der Stadt auf der Suche nach dem wie auch immer gelobten Land, Weisheiten rezitierend wie “Nobody knows Honey where love goes, but when it goes it’s gone, gone”.

Ablenkung fand ich auch in der Springsteen-Biographie, die mir meine Schwester zum 14. Geburtstag geschenkt hatte. Erstmals erfuhr ich etwas über den Mann Bruce Springsteen selbst und was hinter seinen Songs steckte. Über die Geschichten, die ihn umgaben, die Mythen, die er kreierte und für die er stand. Rebell, Underdog, Teil und Held der “Working Class” – das Gegenteil vom ebenfalls in New Jersey geborenen Frank Sinatra – Ausbruch aus den Mauern, die seinen Träumen Grenzen zu setzen drohten. Und da waren die Werte, die er mit diesen Bildern vertrat: Freundschaft, Loyalität, Bodenständigkeit, symbolisiert durch die “Gang”, die mit ihm stritt, hinter ihm stand, ihm folgte und ihn trug: Die E-Street-Band, vor allem der “Big Man”, Clarence Clemons am Saxofon und Steven Van Zandt an der Gitarre. Und das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, der für die Träume seines Sohnes kein Verständnis zu haben schien. Ich las die Geschichten in dem Buch, hörte die Songs und sah Szenen aus meinem Leben.

Arbeit, Freundschaft, Loyalität, Liebe… und Autos

Ich sah meinen Vater mit seiner schweren ledernen Aktentasche, wie er morgens um halb sechs das Haus verließ, wenn Springsteen sang: “Early in the morning factory whistle blows, man rises from bed and puts on his clothes. Man takes his lunch, walks out in the morning light. It’s the working, the working, just the working life.”

“End of the day factory whistle cries, men walk through the gates with death in their eyes” – ich sah meinen Vater nach Hause kommen, meistens sehr spät und müde, zunehmend desillusioniert mit seiner Situation auf der Arbeit.

Wenn Springsteen in Bobby Jean sang “We liked the same music, we liked the same bands, we liked the same clothes”, dann sah ich meinen besten Freund Peter und mich, wie wir in einer Freistunde auf dem Schulhof nach fünf Minuten gemeinsamen Schweigens uns unvermittelt ansahen und auf den Punkt gemeinsam anfingen, den Refrain von “Glory Days” zu singen.

Bei den Zeilen aus “The wish” – “I remember in the morning, Ma, hearing your alarm clock ring.
I’d lie in bed and listen to you gettin’ ready for work, the sound of your makeup case on the sink” – sehe ich auch heute noch genau diese Szene mit meiner Mutter in der Hauptrolle und wie sie anschließend in mein Zimmer kommt, um mich zu wecken.

Ich frage mich: Wem geht das nicht so?

Und wenn der Boss in Badlands zunächst an der Stelle ankommt, in der es heißt: “Talk about a dream, try to make it real, you wake up in the night with a fear so real” und nach Gitarren- und Sax-Solo den Faden aufnimmt: “For the ones who had a notion a notion deep inside that it ain’t no sin to be glad that you’re alive”, denk ich: Wem geht das nicht so?

Und gibt es, wie in “The promise” beschrieben, nachdem das Versprechen gebrochen worden ist, etwas schlimmeres als sich “far away from home, sleeping in the Backseat of a borrowed car” wiederzufinden?

Und auch bei den viel profaneren Dingen liebe ich es, manche Kuriositäten auf mein Leben zu übertragen. Wenn es in “Cadillac Ranch” heißt “Buddy when I die, throw my body in the back, drive me to the junkyard in my Cadillac”, mag ich die Vorstellung, dass meine Freunde mich irgendwie auf meinem Bianchi-Rennrad zum Friedhof schaffen. Und bitte ohne den Lack zu zerkratzen.

Durchhalten bis Freitag und dann Rock 'n' Roll

Ich könnte endlos weitermachen, solche Szenen ziehen sich seit dem Spätsommer 1988 wie ein roter Faden durch mein Leben. Und ich gebe zu, “Tougher than the rest” ist auf jedem Tape, das ich für eine Auserwählte zusammenstellte, zu finden. Live-Version, logisch, weil da der Part mit den anderen Typen, die den Test nicht bestehen, zweimal gesungen wird.

Die verschiedenen Szenen und Bilder aus diesen Songs enthalten alles, was die Romantik einer Samstagnacht, die Ernüchterung am Sonntag, die Verzweiflung an einem Montagmorgen und das Durchhalten bis zum Feierabend am Freitag ausmacht.

Aufräumen mit den Mythen

In den letzten Jahren, zunächst mit seinem Auftritt bei VH1-Storytellers, dann seiner Autobiografie und schließlich der Show “Springsteen on Broadway” begann der Boss mit all diesen von ihm geschaffenen und ihm zum Teil auch auferlegten Mythen aufzuräumen. Der Song “Born To Run”, der wie kein anderer für Springsteen und seine Themen steht, handelt vom Abhauen, vom Ausbrechen aus der Kleinstadthölle ohne Wiederkehr. In “Springsteen on Broadway” erzählt er die Geschichte des Songs und weist daraufhin, dass er mit seiner Familie mittlerweile nur ein paar hundert Meter von seinem Elternhaus entfernt lebt.

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Das Bild des Mannes aus der Arbeiterklasse entmythologisiert er mit der Bemerkung, dass er noch nie in seinem Leben regelmäßiger Arbeit nachgegangen ist. Es gipfelt in der selbstironischen Bemerkung: “Seht ihr, so gut bin ich, ich habe mir das alles ausgedacht.”

Nehme ich ihm das übel, dass er mir mein Leben lang etwas vorgemacht hat? Hat er mir überhaupt etwas vorgemacht, habe ich mir nicht im Grunde etwas vormachen lassen? Weil ich genau das von ihm haben wollte? Zieht der Rock & Roll nicht genau daraus seine Existenzberechtigung?

Überlebensgroß, genau wie du

Nein, im Gegenteil. Ihm gelingt es, mit seinen Geschichten, sich mit seinen Fans auf Augenhöhe zu bringen. Hier ist der Rock & Roll, ein Mythos, eine Legende, ein Mysterium, überlebensgroß. Hier bin ich, Teil dieses Mythos, aber auch noch immer in seinem Bann. Und dann erzählt er von einem Traum über seinen Vater: Sie beide stehen in einem von Bruce’ Konzerten im Publikum, auf der Bühne der Boss in seinem “Working-Class-Outfit”, schwitzend, und Springsteen Junior sagt zu Springsteen Senior: “Siehst Du den da, das bist Du für mich, das Bild, das ich von mir kreiere, das bist in Wahrheit Du.” Held, Vorbild, Vater, Freund.

Mag sein, dass auch dieser Traum ausgedacht ist, getreu dem Motto im Vorwort seiner Autobiographie: Um der Wahrheit willen lügen. Und da gelingt Springsteen dieser außerordentliche Spagat. Er macht sich nicht künstlich klein und sagt: Ich bin nicht überlebensgroß. Er sagt: Ich bin genauso überlebensgroß wie du.

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