Der verrückteste Film des Jahres

Gesang selbst beim Liebesakt und bei der Geburt: "Annette" mit Adam Driver und Marion Cotillard – Kinostart: 16.12.2021

Ein kleines Mädchen singt Adam Driver an die Wand

von Mireilla Zirpins

Den rührendsten Gesangsauftritt des Jahres hat eine Fünfjährige in Leos Carax‘ „Annette“ – ein Musical, in dem alle singen, sogar eine schwebende Babypuppe. Und Adam Driver und Marion Cotillard beim Oralsex. Klingt crazy – und ist es auch. Aber auch echt faszinierend.

Crazy Musical: "Annette" von Leos Carax

Marion Cotillard und Adam Driver in love – noch…

Verglichen mit „Annette“ ist „West Side Story“, der eine Woche vorher gestartet ist, ein Musical für Anfänger. In Leos Carax‘ „Annette“ wird nicht viel getanzt, dafür aber wirklich alles gesungen: Kommentare, Ausrufe, Seufzer – und selbst das Publikum singt zurück, wenn ihm die provokante Aggro-Darbietung von Comedian Henry (Adam Driver) nicht behagt. Der Berufszyniker, der in seinen Shows oft zu viel Privates preisgibt und mit Gewaltexzessen kokettiert, hat sich verlobt: mit Opernsängerin Ann (Marion Cotillard). Doch, soviel darf man verraten, ihre Liebe steht unter keinem guten Stern.

Anns Schwangerschaft und die Geburt verändern sie, sie fühlt sich in ihrer Ehe nicht mehr wohl. Der Mann, den sie Hals über Kopf geehelicht hat, ist ihr auf einmal seltsam fremd. Wäre ihr Dirigent (Simon Helberg aus „Big Bang Theory“) nicht doch die bessere Wahl gewesen? Und dann meldet sich ein Chor (natürlich!) von #metoo-Stimmen, die Henry Übergriffigkeiten unterstellen. Oder findet das doch nur in ihrem Kopf statt? So weit, so Hollywood, gefiltert durch den Blick des französischen Autorenfilmers Leos Carax. Wer seine Filme kennt – „Die Liebenden vom Pont Neuf“ war der mit Abstand mainstreamigste –, weiß, dass man hier mit allem rechnen muss.

Absolut schräge: Die Liebenden von L.A. bekommen eine Babymarionette!

Und prompt: Bei der Entbindung – selbstverständlich motivieren die Geburtshelferinnen Ann mit Gesang zum Pressen – reicht man Henry und Ann eine Babypuppe als Krönung einer Alptraum gewordenen Ehe. Sowas wollen Sie nicht sehen? Doch, wollen Sie! Sie wissen es vielleicht nur noch nicht.

Das mit der Babymarionette ist so irre, dass es schon wieder gut ist und man sich erstaunlich schnell an sie gewöhnt. Und denkt, dass uns jetzt nichts mehr schocken kann. Aber Carax versenkt im Folgenden alles, von dem wir dachten, dass es ihm heilig sein könnte und erstaunt uns in jeder Szene neu. Zum Beispiel, als das hölzerne Baby im zarten Alter zu singen beginnt und dann auch noch vom Boden abhebt. Das hätte ein solcher Kitsch werden können, fasziniert aber trotz seiner Befremdlichkeit dank der satten Bilder von Caroline Champetier. Und ganz ehrlich: Bei Pinocchio haben wir die Holzpuppe doch auch akzeptiert. Zumal es hier gewisse Parallelen gibt…

Ein Meta-Musical mit Tiefgang – Leos Carax riskiert alles

Carax geht jedes Wagnis ein, das sich ihm bot und versucht sich an einem Über-Musical mit Tiefgang: „Annette“ will nicht weniger sein als ein poetisches Antimärchen, eine Parabel über manipulative Elternschaft, über künstlerische Versagensängste und toxische Männlichkeit angesichts weiblicher Überlegenheit. Konsequenterweise ist Adam Driver als mittelmäßiger Komiker seiner wesentlich erfolgreicheren Operndiven-Gattin auch stimmlich unterlegen. Und dann singt ihn im finalen Duett auch noch ein Kind an die Wand – die beim Dreh 2019 erst fünfjährige Devyn McDowell.

Aber Adam Driver trägt’s mit Fassung, ja mit Würde und unverhohlener Bewunderung für seine blutjunge Gesangspartnerin und intoniert die manchmal gewöhnungsbedürftigen, oft aber auch eingängigen Melodien der „Sparks“-Brüder Ron und Russell Mael, die sich auch die Filmstory ausgedacht haben, mit der nötigen Ernsthaftigkeit. Man hört deutlich, dass er selbst singt, und zwar live! Und Marion Cotillard ebenfalls – auch wenn bei den Opern-Arien ihre Stimme mit der einer professionellen Sopranistin angereichert wurde. Aber es ist klar Adam Drivers Film, und er liefert hier eine beeindruckende Performance und eine beängstigende Wandlung vom geheimnisvollen Eigenbrötler auf dem Motorrad zum alles verdrängenden Macho im Bademantel. Und spielt mit Leib und Seele darüber hinweg, dass das Drehbuch manches einfach nur behauptet.

Kein Happy End, aber großes Starkino für Experimentierfreudige

Dass Marion Cotillard und Adam Driver nicht als harmonischstes Liebespaar in die Filmgeschichte eingehen werden, kann man bemängeln. Aber im Grunde passt es ins Konzept. Schließlich geht’s hier um eine offen zur Schau gestellte Beziehung, bei der jeder sicher sofort prominente (Ex-)Paare vor Augen hat, ohne dass Carax‘ Chor der Klatschgazetten noch nötig gewesen wäre. Oder wahlweise an Leos Carax‘ Lovestory mit der jung verstorbenen Schauspielerin Yekaterina Golubeva („Pola X“) – die gemeinsame Tochter Nastya ist am Anfang von „Annette“ zu sehen.

Wir konnten also gewarnt sein, dass es kein glückliches Ende nimmt bei einem Paar, das beim Cunnilingus allzu demonstrativ „We love each other so much“ schmettert. Aber ein Happy End bekommen wir ja auch bei „West Side Story“ nicht. Dafür gibt’s hier großes Starkino für Experimentierfreudige, für Cineasten ein Muss!

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