"Ich habe 18 Jahre lang die Geschichte meiner Familie geschützt – bis eine Zeitung anrief …", erinnert sich Nova Meierhenrich, 47, im Mental Health Matters-Gespräch. Es passierte, was eigentlich nicht passieren sollte: Der Suizid und die Depressionserkrankung ihres Vaters wurden – gegen den Willen der Moderatorin – öffentlich.

Novas tragische Familiengeschichte begann jedoch mehrere Jahrzehnte zuvor – mit dem Konkurs der Firma ihres Vaters. Die Familie der einstigen VIVA- und MTV-Moderatorin verlor fast alles, ihr Vater fiel in ein Loch, zog sich zurück, veränderte sich. Seine Depression blieb jahrelang unentdeckt, Nova wurde später zu seiner Bezugsperson, erkrankte daraufhin ebenfalls an Depressionen.

Im Interview erklärt Meierhenrich – die als Prominente die Woche der seelischen Gesundheit vom 8. bis 18. Oktober unterstützt – an welchen Symptomen man die Erkrankung früher erkennen kann und wie sich Angehörige besser schützen können als sie es tat.

Nova Meierhenrich: „Sie sagten, dass sie eine Titelstory machen, ob ich wolle oder nicht“

Die Presse hatte damals Wind von Ihrer Familiengeschichte bekommen, über die Sie aber nie selbst öffentlich gesprochen hatten und darüber berichtet. Das gab den Anstoß für Ihr Buch. Sie wollte, dass Ihre Geschichte wieder Ihnen gehört.
Ich habe 18 Jahre lang die Geschichte meiner Familie geschützt – aus gutem Grund – bis eine Zeitung ein Jahr nach dem Tod meines Vaters bei mir anrief und mich quasi am Telefon erpresste. Sie sagten, dass sie eine Titelgeschichte machen, ob ich wolle oder nicht. Ich könne mich aber gerne dazu äußern. Mit welchem Recht? Vor allem bei mir, die kaum jemals etwas Privates aus ihrem Leben erzählt hatte.

Das war übergriffig und ich wünsche niemanden so was – außer den betreffenden Journalisten, damit sie spüren, wie es sich anfühlt, wenn dir alles aus der Hand gerissen wird.

Als Journalist hat man manchmal das ganze Leben einer Person mit einer Schlagzeile in der Hand. Dessen sollte man sich bewusst sein.

Wann haben Sie ihren Vater am glücklichsten erlebt?
Meine gesamte Kindheit hindurch. Mein Vater war ein absoluter Familienmensch und hat meine Geschwister, Mutter und mich immer in den Mittelpunkt gestellt. Es war ihm wichtig, viel Zeit mit uns zu verbringen. Meine Mutter hat mir erzählt, dass er in den 70er-Jahren einer der ersten Väter gewesen ist, der mich in einem Wickeltuch stolz vor der Brust durch die Stadt getragen hat.

Samstags morgens hat er uns auch gerne ins Auto gepackt, ohne uns zu verraten, wohin die Reise geht. Dann haben wir zum Beispiel Halt vor dem Kölner Dom gemacht, weil er uns den unbedingt zeigen wollte. Oder wir haben im Dänemarkurlaub lange Wattwanderungen unternommen.

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Novas enge Beziehung zu ihrem Vater besteht über seinen Tod hinaus

In Dänemark wurde Ihr Vater dann auch auf eigenen Wunsch anonym beigesetzt. Welche Beziehung haben Sie heute zu ihm?
Ich besuche ihn mehrmals im Jahr und erzähle ihm von meinem Leben.

Information zu Hilfsangeboten

Sie haben suizidale Gedanken? Die Telefonseelsorge bietet Hilfe an. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der „Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention“.

1993 musste die Firma Ihres Vaters Konkurs anmelden. Er zog sich daraufhin zurück. Wann haben Sie bemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmte?
Das hat eine ganze Weile gedauert. Es war ein unverschuldeter Konkurs, ein Betrug, bei dem er alles, was er für seine Familie aufgebaut hatte, verlor: Auto, Haus, Ausbildungskonten der Kinder … Er konnte nicht mehr für seine Familie sorgen. Rückblickend hat das meinen Vater gebrochen. Das Insolvenzverfahren zog sich über Jahre, mein Vater befand sich im Überlebensmodus – bis wir merkten, dass das Loch, in das er gefallen war, tiefer war als angenommen.

Außerdem war das Thema Depressionen Anfang der 90er-Jahre ein totales Tabuthema.
Das kam noch hinzu. Über psychische Erkrankungen wurde damals noch nicht geredet – ebenso wenig wie über einen Konkurs und schon gar nicht in einer Kleinstadt. Daher sind wir auch erst nicht draufgekommen, dass mein Vater an Depressionen leiden könnte.

Wie veränderte sich Ihr Vater?
Eine Depression macht sich unter anderem durch untypische Wesens- und Verhaltensänderungen bemerkbar. Jemand, der zum Beispiel immer den Kontakt zu seiner Familie suchte, zieht sich auf einmal zurück und kommt aus seinem Zimmer nicht mehr heraus. Das ist ein absolutes Warnsignal. Das ist dann kein kleines Loch mehr. So war das auch bei meinem Vater, bis meine Mutter sich Hilfe suchte.

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Nova wurde zur Bezugsperson ihres suizidgefährdeten Vaters

Bei Ihrem Vater wurde irgendwann die Diagnose "schwere Depression" gestellt …
… die aber am Anfang keine schwere Depression gewesen ist. Die Erkrankung ist gut heilbar, wenn sie früh erkannt wird. Eine unbehandelte Depression manifestiert sich jedoch über Jahre. Das passierte leider bei meinem Vater. Betroffene sind darauf angewiesen, einen Hausarzt zu haben, der psychische Erkrankungen zügig erkennt und handelt, da dieser oft die erste Anlaufstelle ist und eine Überweisung zu einem Psychologen ausstellen kann.

Inwiefern beeinflusste seine Depression Ihr Leben?
Zum Zeitpunkt des Konkurses zog ich gerade aus, um zu studieren. Wenn ich an den Wochenenden nach Hause kam, merkte ich irgendwann, dass mein Vater nicht mehr wie immer parat stand und alles Neue aus meinem Leben wissen wollte. Manchmal kam er nur kurz für ein "Hallo" aus seinem Zimmer.

Als klar war, dass er krank ist, habe ich mich viel mit meiner Mutter ausgetauscht, mit der ich ein sehr enges Verhältnis habe und habe versucht, meinen Vater mit Aktivitäten wie Ausflügen aus seinem Schneckenhaus zu holen. In den letzten Jahren wurde ich dann immer mehr zu seiner Bezugsperson.

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Ihr Vater konfrontierte Sie auch mit seinen Suizidgedanken.
Er ist immer offen damit umgegangen, auch meiner Mutter gegenüber. Das hat er leider sehr klar gemacht, als er in der schlimmsten Phase der Krankheit war.

Nova erkrankte an Co-Depression: „Ich fühlte mich wahnsinnig sicher und habe die Symptome übersehen“

Sie erkrankten im Zuge dessen an einer Co-Depression. Wie passierte das?
Ich habe nicht geschafft, mich zu schützen, mich abzugrenzen. Das ist eine Sache, die gebe ich heute gerne weiter: Nur ein gesunder Mensch kann einem kranken Menschen helfen. Das ist bei mir am Anfang höllisch schiefgegangen, obwohl ich fest davon überzeugt war, dass mir so was nicht passieren kann. Ich dachte, ich weiß alles über diese Krankheit, fühlte mich wahnsinnig sicher und habe die Symptome bis zum Schluss ignoriert.

Wann haben Sie gemerkt, dass sie selbst Hilfe benötigen?
Das habe ich nicht. Eine sehr gute Freundin hat das gemerkt und mich darauf angesprochen. Ich arbeitete zu dem Zeitpunkt viel, flog umher, war teilweise in drei, vier Ländern pro Woche. Ich dachte, es sei legitim, meine Freizeit auf der Couch zu verbringen und niemanden sehen zu wollen. Ich hatte für alles eine Ausrede.

Deshalb ist es auch wichtig, sein Umfeld zu sensibilisieren. Informiert eure Liebsten, dass sie euch sagen sollen, wenn ihr euch verändert oder wenn etwas nicht stimmt.

Was haben Sie in der Therapie über sich gelernt, was Sie gerne schon früher gewusst hätten?
Viele Dinge waren mir klar, ich musste sie aber erst mal akzeptieren. Ich habe gelernt, wie ich liebevoller mit mir umgehe. Ich tendiere nämlich dazu, zu streng mit mir zu sein. Ich muss nicht alles schaffen, habe nicht über alles die Kontrolle – wie auch über die Krankheit meines Vaters. Sie liegt nicht in meiner Verantwortung. Das half mir während dieser Zeit.

Hilfen bei Depressionen

Erkennen Sie bei sich Anzeichen einer Depression? Beim überregionalen Krisentelefon unter 0800 1110111 wird schnell und anonym geholfen! Weiterführende Informationen gibt es außerdem bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Mit der Interviewreihe "Mental Health Matters" möchte GALA das Thema mentale Gesundheit in den Mittelpunkt rücken, aufklären und psychische Erkrankungen entstigmatisieren.

Verwendete Quellen: eigenes Interview, instagram.com

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