London (dpa) – Kurz vor seinem 50. Geburtstag sprach England-Trainer Gareth Southgate ein Machtwort. Einige Vereine aus der Premier League hatten ihren Unmut darüber kundgetan, dass Southgate kurz vor dem Premier-League-Start ihre Top-Fußballer für seinen Nations-League-Kader nominiert hatte. “Meine Aufgabe ist es, Spiele für mein Land zu gewinnen”, stellte der Coach der Three Lions daraufhin klar, “und dafür muss ich den stärksten Kader auswählen.”

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Das aber ist gar nicht so leicht, denn vor den Partien in Island am Samstag und Dänemark drei Tage später musste Southgate aus verschiedenen Gründen Spieler nachnominieren und seinen Kader mehrfach umstellen. Nach der langen Corona-Unterbrechung und einer Mini-Sommerpause hat der Coach allerhand zu tun. Viel Zeit, um seinen Geburtstag am Donnerstag zu feiern, bleibt ihm nicht.

Bei der WM in Russland hatte Southgate England vor zwei Jahren ins Halbfinale geführt. In der ersten Nations-League-Saison wurde er mit seiner Mannschaft Dritter. In wenigen Jahren machte er aus dem Team, das bei der WM 2014 in der Vorrunde als Gruppenletzter rausgeflogen war und sich dann bei der EM 2016 gegen Island blamiert hatte, eine respektable Mannschaft. Damit stiegen auch die Erwartungen an den Trainer, der den Job ursprünglich gar nicht haben wollte.

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Im September 2016 hatte der am 3. September 1970 in Watford geborene Southgate den Job zunächst interimsweise übernommen, weil sein Vorgänger Sam Allardyce wegen eines Skandals nach nur einem Spiel zurückgetreten war. Nach anfänglichem Zögern und öffentlichen Dementi unterschrieb Southgate, der schon die U21 betreut hatte, im November einen Vierjahresvertrag. “England zu betreuen wird eine riesige Verantwortung und eine riesige Ehre für mich sein”, schwärmte er.

Während seiner aktiven Karriere hatte Southgate rund 500 Spiele für drei Vereine absolviert, die nicht zu den großen in England gehören. Als Verteidiger und Mittelfeldspieler spielte er jeweils mehrere Jahre für Crystal Palace, Aston Villa und den FC Middlesbrough. Für die Nationalmannschaft machte er von 1995 bis 2004 fast 60 Spiele, von denen zu seinem Leidwesen besonders eins im Gedächtnis geblieben ist.

Im EM-Halbfinale 1996 kam es zwischen England und Deutschland im Wembley-Stadion zum Elfmeterschießen. Southgate scheiterte an Andreas Köpke. Englands Traum vom ersten EM-Titel, noch dazu im eigenen Land, platzte. “Niemand kann nachvollziehen, wie sich das anfühlt”, sagte Southgate 2018 in einer britischen TV-Show. “Man schämt sich.”

Die größte Enttäuschung seiner Karriere hing dem Mann aus Watford noch lange nach. “Die Leute haben ihren Kopf aus dem Autofenster gesteckt und mir Dinge hinterher gerufen”, erzählte Southgate weiter. “Ich hatte eine 20-jährige Karriere als Spieler, aber die haben sich nur an diesen einen Moment von mir erinnert.”

Lange sah es nicht danach aus, als könnte der Trainer Southgate etwas daran ändern. Mit Middlesbrough, das er drei Jahre trainierte, stieg er ab und wurde in der 2. Liga entlassen. Mit der U21 von England schied der Coach bei der EM 2015 als Gruppenletzter in der Vorrunde aus. Entsprechend groß war die öffentliche Skepsis, als er die A-Nationalmannschaft übernahm. Noch während der WM-Qualifikation 2017 quittierten die England-Fans den Rumpelfußball ihrer Mannschaft, indem sie im Wembley-Stadion Papierflieger auf das Spielfeld warfen.

Doch Southgate, der seit seinem Elfmeter-Trauma gegen jeglichen Spott abgehärtet ist, ließ sich nicht beirren. Er beschwor den Teamgeist und appellierte an die Unterstützung des Publikums. In Russland spielte sich England schließlich zurück in die Herzen der Fans, und der Coach wurde auf einmal zum Hoffnungsträger. Die Fans widmeten ihm Gesänge und kopierten Southgates Outfit, einen dreiteiligen Anzug. Nach dem WM-Aus feierten ihn die mitgereisten Anhänger mit Ovationen.

Das Selbstbewusstsein ist zurück bei den Three Lions, die auf Platz vier der Weltrangliste stehen. Und dabei will es der ambitionierte Trainer nicht belassen. “Es ist etwas her, dass wir so weit oben standen”, sagte Southgate vor kurzem. Dann fügte er zielstrebig hinzu: “Die Herausforderung sind jetzt die nächsten drei Plätze.”

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