Kussmund-Dirndl und Plexiwände,  Powerballaden und Eurodisco, Furzwitze und modernisierter Ententanz – der doppelte Eurovision Song Contest zieht sich zuweilen wie Käsefondue. Just als die ARD ihren Sieger kürt, zieht ProSieben einen spektakulären Trumpf aus dem Ärmel.

von Ingo Scheel

Helge Schneider beim “Free ESC”

Das kann sich nur Bill Gates ausgedacht haben: Der ESC fällt aus. Und trotzdem findet er statt. Und dann auch noch doppelt, zur selben Zeit, auf verschiedenen Sendern. Statt traurigem ‘ist nicht’ also ‘Qual der Wahl’, man möchte sich vor lauter Verzweiflung einen Alubommel basteln. Aber nützt ja nichts, wer jetzt keinen Käseigel hat, der baut sich keinen mehr. Geguckt werden muss es aber trotzdem.

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ARD und ProSieben im ESC-Duell

In der ARD gibt man sich latent feierlich. Das Erste hat Babs Schöneberger in einer Art Dirndl-Update mit Kussmund-Dekor auf die Elbphilharmonie gestellt, kurze Zeit später ist sie schon in den großen, publikumslosen Saal gehuscht. Irgendwo oben im Rang sitzen Peter Urban und Michael Schulte als plexiverglastes Update von Statler und Waldorf, die dem dezent absurden Spektakel ein wenig Grand-Prix-Würde verleihen sollen.

Statt Rotterdam also Hamburger Landungsbrücken, rein örtlich kein schlechter Tausch. Die zehn Kandidaten im Ersten rekrutieren sich aus dem offiziellen Teilnehmerfeld, mal live im Saale performend, dann als Einspielerfilm. Den Anfang machen Ben & Tan aus Dänemark, deren “Yes” man schon wieder vergessen hat, noch bevor der letzte Ton in den hubbeligen Wänden der Elphi verklungen ist. Danach stapft Efendi aus Aserbaidschan durch die Savanne, als hätte man sie bei den Dreharbeiten von “The Mole” in einer Kiste vergessen, kurz danach wähnt man sich bei “Mad Max”. Dass es in ihrem Lied eigentlich um “Cleopatra” geht, tut da schon nichts mehr zur Sache. Großes Kino dagegen bieten im Anschluss The Mamas aus Schweden, das stimmstarke Trio hat exquisiten Gospelsoul im Programm.

Raabs ESC: Saufspiele, die Kellys und müde Schafe

Wer jetzt zu ProSieben zappt, bekommt Saufspiele, die Kellys und müde Schafe. Ahaaa, denkt sich das geschulte ESC-Auge, hier ist Irland dran. Und in der Tat. Beim “Free ESC”, der von Stefan Raab gestemmte Alternativsause, von Conchita und Steven Gätjen über die Rampe gebracht, wird zur selben Zeit ebenfalls um Punkte gesungen. Nicht so offiziell, aber eben ganz free, vor allem – genau wie in der ARD – zuschauerfree. Zu diesem Zeitpunkt hat man die Niederlande und die Türkei bereits verpasst. Ilse de Lange hat von “Changes” gesungen und eine tolle, lila Knickerbocker getragen. Umut Timur folkrappte mit Eko Fresh, jetzt ist Sion Hill mit “Speak Up” dran, einer Art irischer GiesingerOerdingerPohlmann-Variante. Könnte nach Guinness klingen, hat aber kaum mehr Dampf als ein alkoholfreies Weizen.

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Und so geht es weiter. Im Ersten darf Barbara Schöneberger ein wenig an der großen Elphi-Orgel orgeln und zaubert daraus die “Waterloo”-Melodie hervor, macht einen verrutschten Witz über die Namen der Litauer und weiß noch nicht, dass sie hier die späteren Sieger verkohlt. In der Tat war das auch für den ESC-Experten kaum zu ertippen, dass die drei von The Roop mit ihrem Mix aus Ententanz-Update und Pantomime namens “I’m On Fire” den Alubommel, Verzeihung, das silberne ESC-Elphi-Mikro holen würden.

Gjon’s Tears mit “Répondez-moi” etwa bot große Emotionen, falsettierte sich um Kehlkopf und Kragen, Diodata präsentierte mit “Fai Rumore” ebenso wie Maltas Destiny mit “All Of My Love” Grand-Prix-Grandezza alter Schule und während Victorias “Tears Getting Sober” so fragil klang, als würde sie einen Song von Adele auf der Hundepfeife covern, hatte sich der skurrile Witz der Isländer von Daði og Gagnamagnið mit ihrem Nerdpop-Stückchen “Think About Things” schon ein wenig abgenutzt. Was man von Little Big und “Uno” wiederum nicht sagen konnte, den Song hatte man einfach noch nicht so oft gesehen oder gehört.

In der ARD wird an Nicole und an Lena und sogar an die No Angels erinnert

Auf ProSieben lässt man die ESC-Garde naturgemäß etwas lockerer auftraben. Im Einspielerfilm über Bulgarien gibt es flache Furzwitze, in Kasachstan werden Wodka und Fischköttel gereicht, aus Österreich kommen albern synchronisierte Sissi-Ausschnitte. Arme Sissi! Dann doch lieber schnell wieder zur ARD huschen, wo noch einmal an tanzende Backöfen und bekiffte Omis erinnert wird, an Nicole und an Lena und sogar an die No Angels. Irgendwie könnte das jetzt gern vorbei sein. Statler Urban und Waldorf Schulte dürften nochmal scherzen, dann wird der Sieger, die Siegerin gekört, Stempel drauf und ab. Aber nein, vor den Preis hat die ARD ein weiteres Mal gefühlt stundenlanges Ruft-jetzt-an-Kobern gestellt, das selbst Babs Schönberger irgendwann unangenehm wird. Gut, dass sie sich zwischenzeitlich zur Tagesthemen-Kumpanin Linda Zervakis und sogar Richtung “Wort zum Sonntag” retten kann, um das Leid ein wenig zu lindern.

Irgendwann gegen 22.15 Uhr, eine Dreiviertelstunde nach dem offiziellen Ende, führt jedoch kein Weg am Endergebnis vorbei. Auf eine kompakte Punktetableau-Zeremonie folgt die Siegerverkündung – siehe oben – The Roop aus Litauen mit ihrem tatsächlich nicht ganz so feurigen “I’m On FIre”.

The Roop aus Litauen gewinnt im Ersten

Wer jetzt zurück zu ProSieben schaltet, dem schlägt plötzlich ganz großes Kino entgegen. Da steht doch tatsächlich Helge Schneider, lässt es für sich Rosen regnen und bietet mit seinem Beitrag für Deutschland mal eben Orchesterpomp mit Sinatra-Gütesiegel. Und aktuellem Anstrich: Forever at Home, forever inside, für immer nur drinnen, so croont die singende Herrentorte durch einen Klassiker in spe. Erzählt in seiner Corona-Ballade von der Flasche Wein unterm Küchentisch und davon, wie er sich gemütlich Kartoffeln bestellt. Großes, großes Kino, lieber Helge, und dann auch noch frisch blondiert. File under: Sieger der Herzen.

Gefühlt ein Sieger der Herzen, erwies sich das Teilnehmerfeld beim #FreeESC am Ende dann aber doch zu heterogen, um sich durchzusetzen, auch wenn es für einen Platz unter den Top-5 reichte. Mit Künstler:innen wie Stefanie Heinzmann und Oonagh, Glasperlenspiel und Kelvin Jones, Vanessa Mai, Mike Singer und Kate Hall, Sarah Lombardi, Gil Ofarim und Nico Santos, der mit “Like I Love You” schließlich gewann, hatte ProSieben ein Quasi-BuViSoCo-Paket zusammengeschnürt, dem zwar die Ecken und Kanten fehlten, das aber dennoch unbestritten kurzweilig geriet. Auch ein Verdienst der Jury-Schaltungen, bei denen plötzlich Promis wie Lukas Podolski, Bully Herwig und Michelle Hunziker, Angelo Kelly und Mel C, Heidi Klum und Hakan Çalhanoğlu auftauchten. Ebenso ein echter Clou: Max Mutzke in seinem “Masked Singer”-Gewinner-Kostüm vom Vorjahr für den Mond antreten zu lassen.

Klassisches ESC-Flavour gegen die leere Elphi

Fazit: Ben Dolics Auftritt außer Konkurrenz in der ARD ließ noch einmal davon träumen, was wohl in  Rotterdam für das solide Discostück drin gewesen wäre. Der äußere Rahmen mit der Elphi mag, im wahrsten Sinne des Wortes, Strahlkraft gehabt haben, dennoch: Je größer der Saal, umso auffälliger natürlich auch all die leeeeeren Stuhlreihen. Das hatte man bei ProSieben besser gelöst, wurde die kompakte Kulisse mit klassischem ESC-Flavour abgeschmeckt. Und auch wenn die unglückliche Doppelansetzung am selben Abend vielen Fans den Spaß – nach dem Ausfall des richtigen ESC – ein weiteres Mal verdorben haben mag: Der #FreeESC made by Raab könnte Potential für eine Neuauflage haben, selbst wenn der nächste offizielle Grand Prix, wo und wann und mit wie viel sozialem Abstand auch immer, wieder stattfinden sollte.

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