Der Vermögensberater, dein Freund und Helfer: Jan Böhmermann greift in der jüngsten Ausgabe seines „ZDF Magazin Royale“ die Deutsche Vermögensberatung AG (DVAG) an. Heraus kommt handwerklich gute Satire und eine deftige Kritik – mit kleinen Schwächen.

Eine Kritikvon Christian Vock

Diese Kritik stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Man muss mit steilen Thesen dieser Tage besonders vorsichtig sein, schließlich gibt es derzeit wirklich genug davon. Aber man kann mit einiger Sicherheit behaupten: Der Wirtschaftsunterricht nimmt in Deutschlands Lehrplänen keine Schlüsselrolle ein.

Das verwundert zum einen, schließlich gibt es kaum etwas, das nicht von der Wirtschaft beeinflusst wird. Zum anderen, steile These Nummer zwei, hat das Schattendasein des Wirtschaftsunterrichts die jüngste Ausgabe des „ZDF Magazin Royale“ überhaupt erst möglich gemacht. Denn mit einem guten Wirtschaftsunterricht bräuchte vielleicht niemand eine Vermögensberatung und damit vielleicht auch keine Informationen über deren Praktiken.

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So aber nimmt sich Moderator Jan Böhmermann am Freitagabend die Deutsche Vermögensberatung AG, kurz, DVAG, vor. Seit Böhmermann von der Sparte ins ZDF-Hauptprogramm gewechselt ist, ist seine Show immer weiter weg von der klassischen Late-Night-Show gegangen und hat immer stärkere Züge einer satirischen, investigativen Ratgebershow angenommen. Satirisch sind dabei freilich nur die Mittel, die Inhalte sind todernst gemeint. Und diesmal geht es eben um die DVAG.

Die schreibt auf ihren Internetseiten, dass ein guter Coach Gold wert sei, „denn gecoacht werden, bedeutet, gefördert zu werden. Jemanden an der Seite zu haben, der sich für Ihre Ziele interessiert und bei der Umsetzung hilft.“ Sätze, die Jan Böhmermann zwar auch so sehen, aber sehr wahrscheinlich nicht für die DVAG unterschreiben dürfte. Diesen Schluss legt zumindest die jüngste Ausgabe seines „ZDF Magazin Royale“ nahe.

Jan Böhmermann wird DVAG-Vermittler

Um zu zeigen, wie das Geschäftsmodell der DVAG funktioniert, schlüpft Böhmermann in die Rolle des Neu-Vermögensberaters, der von einem Bekannten aus Jugendtagen und aktuellem DVAG-Vermittler gerade angeworben worden sei. Und in dieser Rolle des Internen geht sie los, die Kritik an der DVAG, die, wie „Jung-DVAG-Berater“ Böhmermann erklärt, alles andere als eine kleine Nummer in der Finanzbranche ist: „Wir, die DVAG, sind der größte Finanzvertrieb Deutschlands.“ In den 1970ern von Reinfried Pohl gegründet, würden 8 Millionen Deutsche der DVAG und ihren 18.000 hauptberuflichen Vermögensberatern ihr Geld anvertrauen.

Das ist natürlich erst einmal kein Verbrechen, doch so langsam baut Böhmermann einen Rahmen für seine Kritik auf. In einer eingespielten Lobesrede Angela Merkels auf Reinfried Pohl heißt es beispielsweise, Pohl habe immer wieder „Menschen gefunden, die sich engagieren für andere Menschen.“ Zudem würden viele Promis mit der DVAG zusammenarbeiten. „Nicht nur Helene Fischer und Angela Merkel finden uns toll: Joey Kelly, Mick Schumacher, Fabian Hambüchen, Britta Heidemann, Horst Lichter und Jürgen Klopp“, zählt Böhmermann auf und schiebt ironisch hinterher: „Wow, Jürgen Klopp. Der macht wirklich nicht für jeden Scheiß Werbung.“

Doch wie funktioniert es nun, das System der DVAG und was ist Böhmermanns Kritik? Um das zu zeigen, arbeitet Böhmermann, wie sonst auch, viel mit Medienberichten und Zitaten. Zum Beispiel dem einer ehemaligen DVAG-Vermittlerin: „Seine ersten Kunden muss man selbst akquirieren. Man geht einfach die Familie und engsten Freunde erstmal durch und dann versucht man, über Empfehlungen weiterzukommen.“

Werbung mit „käuflichen Edelprominenten“

Taktgeber und roter Faden sind aber die Nachrichten, die Böhmermann von seinem Anwerber aufs Handy bekommt. Und die haben viel mit Druck zu tun, denn, wie Böhmermann erklärt: „Als Vermögensberater bekomme ich nämlich Geld für jedes Produkt, das ich Ihnen verkaufe.“ Nun ist auch das erst einmal nichts Illegales, schließlich ist anzunehmen, dass Finanzberater ihren Beruf nicht aus reinem Altruismus ausüben. Aber diesen Zusammenhang zwischen Vermittlung und Provision noch einmal vor Augen geführt zu bekommen, dürfte jedem potenziellen Kunden, egal, für welchen Anbieter er sich entscheidet, eine gute kritische Basis liefern.

Zum anderen ist diese Basis insofern wichtig, als daraus Konsequenzen entstehen, wie Böhmermann weiter erklärt. Zum Beispiel für die Vermittler selbst, denn hier arbeite die DVAG mit einem Belohnungssystem, das Druck ausübe, möglichst viele Abschlüsse zu erzielen. Für weitere Kritik zitiert Böhmermann aus Medienberichten, zum Beispiel aus einem Artikel der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ von 2012. Dort heißt es: „Zu bedenken ist, dass die DVAG nur Produkte einzelner Anbieter (…) verkauft und entsprechend nicht unabhängig auswählt.“

Und so baut Böhmermann aus weiteren Zitaten, Einspielern und auch mit der Undercover-Teilnahme an einem Zoom-Kennenlerngespräch bei der Deutschen Vermögensberatung AG nach und nach seine Kritik auf, an deren Ende er zu dem Schluss kommt: „Die DVAG ist nichts anderes als ein Pyramidensystem, in dem es nur um Eines geht: verkaufen, verkaufen, verkaufen.

„Die DVAG ist eine gehirnwaschende Drückerkolonne, die mit skrupellosen Methoden Menschen in den finanziellen Ruin treibt und sich dafür selber mit Golduhren und geilen Kreuzfahrten belohnt“, sagt Böhmermann. „Und um zu verbergen, was wirklich abgeht, macht die DVAG teure Werbung und PR-Kampagnen und nutzt das gute Image von käuflichen Edelprominenten wie Jürgen Klopp, Helene Fischer und Angela Merkel.“

„Neo Magazin Royale“: Kleiner Raum für Kritik

Harte Vorwürfe, die Böhmermann satirehandwerklich gut aufbereitet hat, weil er mit den Anrufen und Nachrichten des DVAG-Vermittlers einen perfekten roten Faden gesponnen hat, an dem er sich mit seinen Vorwürfen bis zum Ende entlang hangeln kann. Dort läuft ihm ob all des Drucks das Blut aus den frischen Wunden einer Haartransplantation, die er hat machen lassen, um erfolgreich auszusehen.

Satirisch gesehen ist das alles top, an anderer Stelle lässt Böhmermann allerdings Raum für Kritik. Zum Beispiel, dass er unpräzise ist. So zitiert er zwar aus einer Zoom-Reportage über das „Milliardengeschäft Vermögensberatung“ den Vorwurf des „klassischen Pyramidensystems“. Allerdings wird aus dem Zitat nicht klar, dass damit auch explizit die DVAG gemeint ist. Gleichzeitig sind manche Zitate mehrere Jahre alt. Das bedeutet nicht, dass die Vorwürfe Böhermanns nicht stimmen können, aber er setzt sich dadurch zumindest der potenziellen Kritik aus, nicht aktuell zu sein.

Und so ist Böhmermanns jüngste Ausgabe des „ZDF Magazin Royale“ erst einmal eine gut gemachte Satire, gleichzeitig eine Aufforderung zum kritischen Denken und drittens natürlich eine deutliche Kritik am System der DVAG, wenn auch eine mit kleinen Schwächen

Jan Böhmermann über das "Problem der deutschen Filmlandschaft"

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