Zehn Prominente wollen in der RTL-Show „Unbreakable“ ihre Traumata überwinden, indem sie sich von drei glatzköpfigen Ex-Soldaten beim Betten machen anbrüllen lassen. Das Ergebnis ist nur schwer erträglich.

Eine Kritikvon Felix Reek

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Die ersten Minuten von „Unbreakable“ erinnern an „24“ meets „Illuminati“. Eine Gruppe von Menschen mit dunklen Säcken über dem Kopf stapft im Gänsemarsch durch die kroatische Natur. Die Hand jeweils auf der Schulter der Vorderfrau oder des Vordermannes. Weil: Sie sehen ja nichts. Ein kahlköpfiger Mann mit Vollbart nuschelt mit verwegenem Blick in die Kamera: „Bereits in der ersten Minute wird den Prominenten klar, dass es hier zur Sache geht.“ Es sieht eher so aus, als tapsten sie direkt nach Guantanamo.

Der markige Meister Proper ist Markus von Hauff. Er stellt sich als „Nahkampfausbilder für internationale Spezialeinheiten“ vor, darunter die französische Fremdenlegion. Dann faselt er noch etwas davon, dass Menschen sich mit Kapuze auf dem Kopf sich auf das innere Selbst konzentrieren müssen. Ein Terminator mit Hang zu Kalenderspruch-Philosophie. Die eigentliche Frage, die sich stellt, spricht er nicht aus: „Welcher Idiot aus dem Management dieser Stars und Sternchen hat die Prominenten bloß für diese Show angemeldet?“

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„Unbreakable ist das echte Leben“

Eine Antwort gibt RTL nicht. Sonst wäre die neue Show „Unbreakable“ bereits vor ihrem Start obsolet. Stattdessen steht die Enttarnung der Prominenten bevor. Die Reaktion ist wie immer in solchen Formaten: Wer ist das denn?

Zehn Stars haben sich freiwillig für diesen Selbstfindungstrip im Bootcamp gemeldet, die bekannteren unter ihnen sind die Schauspieler Hardy Krüger Jr. und Christian Kahrmann. Um sich von anderen Shows dieses Kalibers abzusetzen, geht es weniger um Lästereien, Anbrüllen und halbverhülltes Fleisch, als unverarbeitete Traumata, die die Stars in dieser Fernsehshow überwinden wollen. Denn: „Unbreakable ist das echte Leben“ schlaumeiert Meister Proper Nummer zwei Julien Kottysch. Zum Beweis springt der Berufssoldat aus einem Hubschrauber in den See und robbt auf den Steg. Wer kennt das nicht von seinem täglichen Weg zur Arbeit.

Eine solche Ansammlung des Leids hat es noch nicht im Fernsehen gegeben

Das echte Leben sieht in „Unbreakable“ vor allem wie in Stanley Kubricks Anschrei-Meisterwerk „Full Metal Jacket“ aus. In einer Reihe aufstellen und mit grimmigem Blick anstarren lassen. Betten machen. Betten neu machen. Spind in Ordnung halten. Gürtel nicht um? Zehn Liegestütze. Hände in den Taschen? Wieder zehn Liegestütze. So zieht sich das durch die ganze erste Folge von „Unbreakable“. Spaß kommt dabei keiner auf. Außer für all jene, die sich nach ihrer Bundeswehrzeit zurücksehnen.

Unterhaltung scheint aber sowieso nicht das Ziel der neuen RTL-Show zu sein. Ganz im Gegenteil. Wer die sonstige leichte Unterhaltung des Senders mit seinem sonstigen Arsenal an streit- und paarungswilligen Möchtegernpromis gewohnt ist, sollte lieber nicht einschalten. In „Unbreakable“ trifft Bootcamp auf Gruppentherapie. Eine Ansammlung des Leids, die es wohl so noch nicht im deutschen Fernsehen gegeben hat. Viele der Promis haben davon schon an anderer Stelle berichtet, erträglicher wird es in dieser Ansammlung dadurch nicht.

Es tut weh beim Zusehen

Hardy Krügers Jr. Sohn starb kurz nach der Taufe mit acht Monaten. Er wurde daraufhin zum Alkoholiker. „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“-Schauspieler Eric Stehfest war bereits mit zwölf Jahren süchtig nach Crystal Meth. Comedian Osan Yaran hat Angst, als Vater versagt zu haben. Sängerin Jasmin Tawil wurde immer wieder von Männern ausgenutzt. Ekaterina Leonova musste mit ansehen, wie ihr Vater die Mutter verprügelte. Die anderen Promis kämpfen mit zerbrochenen Ehen, Obdachlosigkeit und jahrzehntelangen Süchten, die sie willfährig vor der Kamera ausbreiten.

In den Schatten stellt das alles nur Christian Kahrmann. Der Schauspieler, der bereits als Kind mit seiner Rolle als Benni Beimer in „Die Lindenstraße“ berühmt wurde, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Im letzten Jahr erkrankte er an Covid-19. 17 Tage lag er im Koma, währenddessen starb sein Vater. Kurze Zeit danach seine Mutter.

Noch heute leidet er an Long Covid, jede Bewegung durch den Parkour des Bootcamps fällt ihm sichtlich schwer. Im Gesicht und am Hals sind die Narben seiner Beatmung im Krankenhaus zu sehen. Spricht er allein im Separee vor der Kamera, bricht er immer wieder in Tränen aus. Wenn sich ein paar Wunden schließen, wäre das gut, sagt er. Ein Pflaster würde ihm auch reichen. Da ist nichts geschauspielert, da ist es wirklich, das echte Leben. So grausam, wie es sein kann. Ein Mensch, der das Maß an persönlichem Leid, was ertragbar ist, weit überschritten hat. Es tut weh beim Zusehen.

Es geht immer noch schlimmer

Und wenn man in diesen Augenblicken denkt, kann das alles noch schlimmer werden, beginnt Eric Stehfest, der ausgerechnet mit Kahrmann als Leidens-Duo für den Rest der Staffel zusammengewürfelt wurde, mit seiner Geschichte. Wie seine Frau und er ins Polizeirevier gerufen wurden, um sich dort das Video ihrer Vergewaltigung unter K.o.-Tropfen anzusehen. Von Anfang bis Ende. Seitdem kämpft er nicht nur um seine Ehe, sondern auch sich selbst. „Ich kann daran kaputtgehen“, sagt er, offenbar selbst nicht so sicher, ob das nicht längst geschehen ist.

Was soll das alles, fragt man sich als Zuschauer nach 90 Minuten „Unbreakable“ unweigerlich? Wären all diese Menschen nicht besser in einer Therapie aufgehoben, anstatt sich von drei Ex-Bundeswehr-Soldaten das Schlafsack falten beibringen zu lassen? Die Antwort der Show scheint simpel zu sein: „Sein Bett zu machen ist ein kleiner Spiegel der Seele“, sagt einer der glatzköpfigen Berufssoldaten. Wenn es so einfach wäre, hätte die Bundeswehr kein Nachwuchsproblem.

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