Zehn Jahre nach seinem persönlichen Abschied moderierte Thomas Gottschalk am Samstagabend noch einmal die ZDF-Show „Wetten, dass..?“. Ein Abend, der zeigte, wofür die Show stand. Die Comeback-Ausgabe im Überblick.

Eine Kritikvon Christian Vock

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„Morgen wird man wieder lesen: Die einzigen vernünftigen Sachen, die am Samstag gesagt wurden, kamen von Joko und Klaas“, erklärt Thomas Gottschalk, während Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf am Samstagabend auf dem „Wetten, dass..?“-Sofa sitzen und mit ihm übers Fernsehmachen sprechen. Also gut, Herr Gottschalk soll ja nicht als Lügner dastehen: Die einzigen vernünftigen Sachen, die am Samstag gesagt wurden, kamen von Joko und Klaas. Warum das so war und wieso das gar nicht so wichtig war: Das „Wetten, dass..?“-Comeback im Überblick.

„Wetten, dass..?“: Die Show

Wenn ein Pferd tot ist, sagt man, sollte man absteigen. Nun war das einstige Zugpferd des ZDF, „Wetten, dass..?“, schon zweimal tot. Einmal, als die Seele der Show, Thomas Gottschalk, nach dem Sturz von Kandidat Samuel Koch seinen Rückzug erklärte und ein zweites, scheinbar endgültiges Mal, als nach dem kurzen Einsatz von Markus Lanz 2014 endgültig die Lichter ausgingen. Nun also, nhach einer pandemiebedingten Verschiebung, wollte es das ZDF noch einmal wissen, Betonung auf einmal.

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Eine wirkliche Wiederauferstehung ist nämlich, so weit bekannt, nicht geplant und so stellt sich die Frage, ob man für diese einmalige Sondersendung irgendetwas Besonderes geplant hatte. Die kurze Antwort: jein. Die eigentliche Show in der Messehalle in Nürnberg war im Grunde genommen nicht groß anders als in den 40 Jahren zuvor. Gast, Wette, Musik und wieder von vorne. Und auch in diesem ewigen Kreislauf der Show war die Jubiläumsausgabe etwas für Traditionalisten. Denn natürlich gab es eine Bagger-Wette und natürlich überzog Thomas Gottschalk.

Doch Gottschalks einstiges Markenzeichen hat in Zeiten von Shows wie „Schlag den Star“ oder „Denn sie wissen nicht, was passiert“, die mit ihren chronischen XXL-Zeiten den Begriff SamstagABENDunterhaltung ohnehin schon ad absurdum geführt haben, ohnehin nur noch nostalgischen Wert. Und so konnte die Show lediglich ganz am Ende, vor der letzten Wette, überraschen, als Gottschalk „Wetten, dass..?“-Erfinder Frank Elstner aufs Sofa moderierte.

Die Gäste

Helene Fischer, Heino Ferch und Svenja Jung („Der Palast“), Michelle Hunziker, Björn Ulvaeus und Benny Andersson von ABBA auf dem Sofa, dazu Udo Lindenberg, Zoe Wees, das Frozen-Musical und noch einmal Helene Fischer auf der Bühne – die Jubiläumsausgabe von „Wetten, dass..?“ lehnte sich personell nicht gerade weit aus dem Fenster. Mehr Mainstream geht eigentlich gar nicht.

Und weil Mainstream eben auch immer ein bisschen Aalglätte bedeutet, plauderte Helene Fischer – was ihr gutes Recht ist – mit Gottschalk nicht über ihre Schwangerschaft, sondern verwies ihre Fans für mehr Persönliches lieber auf ihr neues Album nebst dazugehöriger Dokumentation. Werbung Ende. Und so war es am Ende der Auftritt von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die inzwischen selbst zum TV-Establishment gehören, der personell und inhaltlich aus der Masse herausstach.

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Thomas Gottschalk

Wenn es eine „Wetten, dass..?“-Ausgabe gibt, in der Thomas Gottschalk die gesamte Bandbreite dessen, wozu er imstande ist, zeigt, dann diese. In seinen besten Momenten ist Gottschalk selbstironisch und schlagfertig, etwa, als er nach dem Auftritt der ABBA-Herren mit Joko und Klaas übers Fernsehmachen plaudert und zu den beiden sagt: „Ich hab’ das Ganze nie so besonders ernstgenommen und war auch manchmal ein bisschen wackelig. Im Moment weiß ich zum Beispiel schon wieder nicht, wer von euch beiden Björn und wer Benny ist.“

Gleichzeitig zeigt Gottschalk auch an diesem Abend, dass er auf Vorbereitung weniger Wert legt als auf Improvisation und das ging eben einige Male schief. Zum Beispiel, als er den Namen seines Gasts Svenja Jung vergisst oder als er völlig ohne offensichtlichen Zusammenhang noch einmal zu Helene Fischer zurück springt und die Sängerin etwas über den Schwimmunterricht ihres Vaters fragt mit der Begründung „Ich muss das ja alles hier abarbeiten“.

Kann man drüber hinwegsehen, uncharmant wird es aber immer dann, wenn Gottschalk Michelle Hunziker angeht. Zum Beispiel, als er verkündet, sich nach der Show endlich die Haare schneiden zu lassen. Da will Hunziker mit einem „Thomas wirklich?“ ein bisschen höfliches Entsetzen spielen, doch Gottschalk schnoddert nur zurück: „Ja, ich seh’ ja aus wie du, Mensch.“ Galant ist irgendwie anders.

Die Wetten

Ein überambitionierter Hund, der Müll in die richtigen Tonnen sortiert, ein Junge, der kopfüber und mit den Füßen in den Halteschlaufen durch eine U-Bahn läuft, ein Go-Kart-Fahrer, der im Wettkampf gegen eine Sprint-Staffel mit dem Wasser aus Feuerwehrschläuchen über eine Tartanbahn geschossen wird, ein Schwesternpaar, das Songs erkennt, die mit Klobürste und Schüssel erzeugt wurden und der obligatorische Bagger, der mit seiner Schaufel Frisbees fängt – die Wetten an diesem Samstagabend liegen in puncto Plemplem-Niveau wohl im üblichen „Wetten, dass..?“-Durchschnitt.

Wirklich herausragend unter allen Wettkandidaten ist aber Leon Krampe. Der junge Mann vereinte sein Geografiewissen mit seiner Darts-Fertigkeit und wirft mit den kleinen Pfeilen auf sechs vorher durchgesagte Länder auf einer riesigen Landkarte. An sich schon schwierig genug, doch Krampes Herausforderung besteht darin, dass er lediglich die Größe der Karte sieht, ansonsten muss er auf eine vollkommen weiße Leinwand werfen. Das schafft er zwar ganz knapp nicht, wird aber dafür mit großer Mehrheit zum Wettkönig des Abends gewählt, 50.000 Euro Siegprämie inklusive.

„Wetten, dass..?“ – geht da noch was?

Thomas Gottschalk wird in Nürnberg mit Ovationen und „Oh, wie ist das schön“-Gesängen begrüßt, Michelle Hunziker berichtet vom Team hinter den Kulissen „Du bist rausgekommen und alle hatten Tränen in den Augen“ – und auch Thomas Gottschalk scheint die Neu-Auflage nicht ganz kalt gelassen zu haben: „Ich will auch hier nicht vor Rührung zerfließen, aber es ist schon ein toller Moment, bei euch zurück zu sein.“

Zuschauer, Team, Moderatoren – ein nicht unerheblicher Teil von Beteiligten scheint immer noch oder schon wieder eine Daseinsberechtigung von „Wetten, dass..?“ zu sehen. Das hat wohl auch Frank Elstner gemerkt und so fordert das Show-Urgestein Gottschalk auf: „Rede mit dem Programmdirektor vom ZDF, dass wir „Wetten, dass..?“ einmal im Jahr machen!“ Die Reaktion ebendieses Programmdirektors, auf den die Kamera dann auch prompt schwenkt, lässt sich jedoch nur schwer interpretieren. Jedenfalls zeigt Norbert Himmler, der im Publikum sitzt, außer einem Lächeln keine eindeutige Geste.

Das Fazit

Nun darf man bei all der Euphorie des Augenblicks nicht vergessen, dass es seine Gründe hatte, warum es mit „Wetten, dass..?“ nicht mehr weiterging. Kritik an der Show gab es zwar immer, aber irgendwann hatte sich das Fernsehen einfach weiterentwickelt und aus dem Internet Konkurrenz bekommen.

Und auch der Faktor Stars, einer der Gründe, warum man in den 1980ern und 1990ern „Wetten, dass..?“ einschaltete, hat mit der Zeit gelitten. Zum einen, weil der Begriff des Stars durch all die Trash-TV-Sendungen mit ihren Z-Promis jeglicher Bedeutung beraubt wurde. Zum anderen, weil die nächste Möglichkeit, einen Star zu erleben, durch Instagram und Co. nur einen Klick entfernt ist.

Und natürlich braucht auch niemand Gottschalks Altherrenhumor, wenn er etwa darauf hinweist, doch bitte stets zwischen zwei Frauen sitzen zu dürfen. Das ist auch nicht dadurch zu entschuldigen, dass erst noch der Moderator geboren werden muss, der dreieinhalb Stunden live durchmoderieren kann, ohne auch nur einmal Stuss zu reden. So eine Show geht auch ohne Zoten.

Und was ist mit dem belanglosen Sofa-Geplauder? Dass „die einzigen vernünftigen Sachen, die am Samstag gesagt wurden“, von Joko und Klaas kamen, mag stimmen, schlimm ist das aber ganz und gar nicht, war es noch nie. Denn worüber soll Gottschalk denn mit Helene Fischer sonst reden? Über den Risikostrukturausgleich? Oder die Vorteile des Ehegattensplittings? Natürlich darf man auch ein Samstagabendpublikum intellektuell ein bisschen fordern, aber „Wetten, dass..?“ ist immer noch und in erster und auch in zweiter Linie Unterhaltungsfernsehen für jedermann, und das ist völlig in Ordnung. Immerhin werden dort keine Känguru-Hoden gegessen.

Was fangen wir also mit dieser Jubiläumsausgabe an? „Wetten, das..?“ hat immer noch Einiges, was nervt. Aber die Show hat auch immer noch ein paar Stärken und ja, dazu gehört auch immer noch Thomas Gottschalk. Brauchen wir deshalb „Wetten, dass..?“ zurück? Vielleicht nicht in der Form, in der es die Show alle paar Monate gab. Aber als jährliche Veranstaltung hätte sie vielleicht durchaus noch ein paar Jahre ihre Berechtigung in der Fernsehlandschaft. Vielleicht aber auch nicht. Aber wetten, dass darüber ab Sonntagmorgen diskutiert wird?

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